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Samstag, 17. November 2012

straflos 7, Entschuldigung

Entschuldigung:

Erstmal möchte ich mich bei Euch drinnen entschuldigen, dass es eine so lange Pause bei der STRAFLOS gab. Den meisten draußen ist es eh egal, weil sie sich ohnehin nicht für Knast interessieren. Die Pause hatte vor allem zwei Gründe: Eine Genossin, die mir sehr wichtig ist, war schwer erkrankt und ich selbst wußte nicht, wie es bei mir mit der Wohnung weitergeht, ob ich obdachlos werde. Nun hab ich ne neue Bude und der Genossin geht es auch wieder besser. Insofern gibt es keine Entschuldigung mehr. In die Suche nach einem Thema für die neue straflos platzte Wilfried mit nebenstehendem Text. Spontan sagte ich, dass ich zum Thema Rebellion im Knast ja auch einige Erfahrungen hätte. Da ich mit einem anderen Genossen zusammen einen Workshop zu diesem Thema bei den Antiknasttagen in Dresden mache, bot es sich an dazu auch ne straflos zu erstellen.
Seit langem stellen wir fest, dass die Kämpfe im Knast sich fast ausschließlich auf das Kampfmittel Hungerstreik reduzieren. Die in früheren Zeiten vorhandene Vielfalt (Dachbesetzungen, Sabotage bei der Zwangsarbeit, kollektive Weigerung nach dem Hofgang in die Zellen zurückzukehren u.a.) scheint verlorengegangen zu sein. Wir sehen den Hungerstreik als alleiniges Kampfmittel aber durchaus kritisch, was ihr vielleicht dem nachfolgenden Bericht über meinen damaligen eigenen HS entnehmen könnt. Viel wichtiger ist es aber an andere Kampfformen zu erinnern. Leider sind diese ziemlich in Vergessenheit geraten. Auch im Internet ist kaum mehr was drüber zu finden. Wir wollen das in den nächsten Ausgaben der straflos ändern. Der Kampf der Straubinger Gefangenen, bis hin zur Dachbesetzung 1990 soll ebenso ein Thema sein, wie die Dachbesetzung in Rheinbach, die kollektive Hofgangverlängerung in Ossendorf, der Kampf der Frauen in Plötzensee gegen die Zwangsarbeit für die Lufthansa. All diese Kämpfe haben wir zumindest teilweise mitbekommen. Von vielen anderen haben wir leider nichts erfahren. Ich finde, dass es für uns Gefangene (irgendwie fühl ich mich immer noch als solcher) wichtig ist, dass wir unsere Geschichte kennen. Nicht um der Geschichte als solcher willen, sondern weil wir vielleicht aus vorangegangen Kämpfen lernen können.

                                                                  Gerhard/Autonomes Knastprojekt
                                                                                                 in straflos 7
                                                                                                Herbst 2012

straflos 7, Keine Spielerei

Keine Spielerei

Ein Hungerstreik ist eine sehr ernste und sehr gefährliche Protestform, in der sich eine oder mehrere Personen weigern zu essen, um Aufmerksamkeit für ihre Sache oder für ein jeweiliges Problem zu bekommen. Ein Hungerstreik kann zum eigenen Tod führen, von daher sollte er wirklich nur als letzten Ausweg oder in ganz extremen Notfällen genutzt werden
Als Mittel des „zivilen Ungehorsams“ von Typen wie z.B. M.Gandhi bekannt geworden, erscheint er heute als Allheilmittel und ist richtig salonfähig geworden – Politiker*innen und Kriegsverbrecher auf der einen, Flüchtlinge, streikende Arbeiter*innen, Erwerbslose oder Kriegsgegner nutzen diese Methode, um  durch die so erzwungene Solidarität sich oder ihr Thema zumindest in die Öffentlichkeit zu bringen.
Mit ihrem Appellcharakter und ihrer pathetischen und radikalen Geste, den eigenen Körper zur „Waffe“ zu machen, indem sie ihn auslöschen, sind sie an einer grundlegenden Änderung des gesellschaftlichen Systems allerdings nicht interessiert
Ähnliches gilt auch für den Knast. Wobei hier der Hungerstreik aber als einzige, aus der Verzweiflung und der Not geborene Aktionsform, durchaus ihren Sinn wiedergewinnt – im Gegensatz zu den zahllosen Aktionen „draussen“, die noch ne Menge anderer Kampfformen hätten.
Aber in der Iso,  z.B. kann der Hungerstreik durchaus eine wirkliche Waffe werden – die dann allerdings Unsinn wird, wenn wir mit anderen Mitgefangenen zusammen sind und das Knastsystem an sich in Frage stellen. Denn ein Gesellschaftssystem, das sich in seinen täglichen Handlungen human verhält, baut keine Knäste. Ein Knastsystem, das sich humanitär erpressen lässt, braucht nicht abgeschafft zu werden.
Welche wirklichen Alternativen des Widerstandes gegen und im Knast zusammen machbar sind, erläutern einige Artikel hier in der Ausgabe.

Für die, die immer noch glauben, an das „Herz der Bestie“ rühren zu können und sich selber dafür opfern wollen , hier einige Tipps.
  • Trinkt viel Wasser – ihr könnt ein paar Wochen ohne Nahrung überleben, aber innerhalb weniger Tage ohne Wasser sterben.
  • Fruchtsäfte und Suppen usw. führen euch ein  Minimum an  grundlegenden Nährstoffen zu.
  • Sucht euch einen bequemen Platz und bleibt dort. Spart so viel Energie wie möglich.
  • Haltet euch in der Kälte warm und in der Hitze kühl – ihr unterwerft euren Körper einen unglaublichen Missbrauch, der dadurch mehr und mehr die natürliche Fähigkeit verliert, sich gegen die Elemente zu schützen.

Denkt daran: Ein Hungerstreik ist  kein Fasten. Abhängig von seiner Länge verursacht er irreparable Schäden.
  • an Muskelgewebe und Knochen ( nach ca. 4 Wochen)
  • Hallus und Demenz (nach ca. 3 Wochen)
  • Potenziell bleibende Hirnschäden und Schäden an inneren Organen ( nach ca. 4 bis 5 Wochen)
  • Möglicher Ausfall der inneren Organe ( nach 4-5 Wochen)
  • Tod ( kann jederzeit je nach körperlichem Zustand eintreten)
Wilfried
für straflos 7
Herbst 2012

straflos 7, Kampfmittel Hungerstreik

Kritische Anmerkungen 

zum Kampfmittel Hungerstreik

Auf die gesundheitlichen Gefahren des Hungerstreiks muß ich hier nicht nochmal eingehen. Allerdings glaube ich, dass dies denen, die einen wirklichen Hungerstreik beginnen, auch durchaus bewußt ist. WIRKLICHER Hungerstreik? Naja, nicht zuletzt aufgrund Erfahrungen unterscheide ich schon zwischen einem unbefristeten Hungerstreik, der zumindest mit der Absicht begonnen wird, ihn notfalls bis zum Ende durchzuziehen und den auf ein, zwei Wochen befristeten Protesthungerstreiks. Bei letzteren frage ich mich, warum mensch für solch eine Protestaktion das Kampfmittel Hungerstreik benutzt und es damit auch entwertet. Warum sagt mensch für eine solch befristete Protestaktion nicht einfach: Wir verweigern jetzt den Knastfraß. Wenn Ihr dies zusammen mit möglichst vielen anderen auch unfristet macht, es mit der Forderung nach Selbstverpflegung und natürlich mit der Forderung nach dem dafür notwendigen Einkaufsgeld verbindet, wird daraus ein politischer Kampf.

Ich werd mich im Folgenden aber auf den unbefristeten Hungerstreik konzentrieren, den manche auch als Todesfasten bezeichnen. Für mich ist das ein furchtbarer Begriff, der bei mir religiöse Assoziationen hervorruft. Also ich war selbst sechseinhalb Wochen im Hungerstreik und hab dies nicht als „Fasten“, sondern als Kampf um Leben oder Tod empfunden.
Aber widmen wir uns erstmal der Frage, wer eigentlich der Adressat des Hungerstreiks ist. Dies kann doch nur eine, wie auch immer geartete, kritische Öffentlichkeit sein. So nach dem Motto: Ihr tut zu wenig, also setz ich/setzen wir Euch mal unter Druck, damit Ihr Euch endlich bewegt. Dass sich die Knastbetreiber durch die Drohung mit unserem eigenen Tod oder gesundheitlichen Schäden unter Druck setzen ließen, erscheint mir als unrealistisch.. Das würde ja voraussetzen, dass denen irgendwas an unserer Person, unserem Leben und unserer Gesundheit liegt. Dieses Knastsystem, das Gefangene in den Selbstmord treibt, das notwendige medizinische Behandlungen verweigert, das Schwerstkranke bis zum Tode einsperrt – dieses Knastsystem soll sich jetzt durch unseren Hungerstreik moralisch unter Druck setzen lassen? Mit Verlaub, ich halte dies für ziemlich naiv gedacht.

Ein Wort noch zu den gesundheitlichen Gefahren des Hungerstreiks und den Tipps zur Vermeidung. Also die Empfehlung auf Suppen und Fruchtsäfte zurückzugreifen ist zwar gut gemeint, aber für die „harten“ Hungerstreikenden unbrauchbar. Alles ausser Mineralwasser ist ebenso Tabu, wie Besuche beim Knastarzt. Sich regelmäßig wiegen und den Blutdruck messen zu lassen, dient weniger unserer Gesundheit, als deren Kontrolle über unseren HS. Sie können so leichter einschätzen, wann der Zeitpunkt für eine mögliche Zwangsernährung sei. Ausreichend Wasser trinken ist natürlich enorm wichtig. In früheren Zeiten, haben die Knäste von sich aus hungerstreikenden Gefangenen das Wasser entzogen, weil Du das nur ein paar Tage durchhalten kannst.
Wichtiger ist mir folgendes: Wenn Du das Gefühl hast, dass der Hungerstreik nicht weiterführt, Du ihn eigentlich am liebsten abbrechen würdest, dann brich ihn ab. Scheiß drauf, was die draußen oder die Knastbetreiber möglicherweise denken. Es ist kein Zeichen von Schwäche einen Hungerstreik abzubrechen. Es ist eher ein Zeichen von Schwäche ihn ohne innere Überzeugung aus Angst vor „Gesichtsverlust“ fortzusetzen.
                                                                                               Gerhard
                                                                                               Autonomes Knastprojekt
in straflos 7
Herbst 2012